Von Highspeed auf 0

Wir haben nur noch wenige Wochen hier in China. Es wird ernst. Bald sind wir keine Wahl-Chinesen mehr, sondern einfach wieder „nur“ Bayern. Auch wenn wir immer gerne betonen, dass wir aus dem besten Teil von Deutschland kommen, haben wir mittlerweile ein Problem damit, uns als „nur“ Bayern zu identifizieren. Denn all das wofür der Bayer steht, sind wir teilweise gar nicht (mehr). Man trifft nämlich ganz oft andere deutsche Studenten oder Ausländer, die sich schwer tun mit den Bayern und das missfällt mir sehr. Ich weiß mittlerweile wie es ist, irgendwo hin zu gehen, wo du darauf angewiesen bist, dass die Locals nett zu dir sind, dich mit offenen Armen empfangen und dir das ein oder andere Mal aus der Patsche helfen. Deshalb habe ich mir auch ganz fest vorgenommen, noch weltoffener, höflicher, hilfsbereiter und freundlicher zu sein…das ganze natürlich trotzdem auf bayerisch.

Aber lassen wir dieses tiefenpsychologische Wurzel-Gelaber und schauen, wie es uns momentan so geht und wie wir die letzten Wochen in China genießen.

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Lieblings-Bar Save 42 C° in Wudadao
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12 Jahre alter japanischer Yamazaki Whisky

Tja, wie geht es uns. Ich habe keine Ahnung. Eines steht aber fest, auswandern ist tatsächlich einfacher als zurück zu gehen. Vor dem auswandern ist alles aufregend und neu und es regt sich eine Art Abenteuerlust, die einem das ganze organisatorische und die Arbeit drum herum gar nicht wahrnehmen lässt. Beim wieder „nach Hause“ gehen, weiß man, dass sich dort nicht viel verändert hat. Gerade nach Bayern zurück zu gehen, ist ziemlich heftig….! Wir leben hier in einer über 15 Mio. Menschen-Stadt, die uns technisch gesehen brutal voraus ist. Man benötigt hier nahezu kein Bargeld, da man mit WeChat (besseres WhatsApp) bezahlen kann, man leiht sich Fahrräder aus, die an jeder Ecke stehen, einfach Bar-Code scannen und los radeln. Man zieht regelmäßig dem Job hinterher, womit sich persönlicher Besitz einfach auch in Grenzen hält. Man lebt den Moment und genießt den Augenblick. Man hat eine Karte für die U-Bahn und sogar für die Wohnung, man hat hier keine Schlüssel mehr und seinen Strom, das Wasser, etc. bezahlt man auch über eine Karte, die man halt hin und wieder mal aufladen muss. Das Internet & Handy bezahlt man auch an einem Automaten. Das Leben wird vereinfacht, dafür ist es allerdings auch wahnsinnig schnell und vermutlich auch gar nicht so gesund für den Homesapiens.

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Und jetzt? Zurück in unsere Heimat-„Stadt“. Dort wo die Menschen noch riesige Häuser bauen, wo meiner Meinung nach viel zu viel Platz verschwendet wird. Wir ziehen wieder dorthin, wo  es noch Leute gibt, die Angst vor technischem Fortschritt haben, die lieber Überweisungs-Zettel per Hand ausfüllen und diesen selbst in die Bank bringen, weil sie Angst vor Überwachung haben. Dort, wo man eigentlich grundsätzlich seine eigenen Daten so zu schützen versucht, als wäre man der Papst persönlich. Dorthin, wo man nicht einfach mal so ein Taxi auf der Straße bekommt, ganz im Gegenteil, wenn man mal feiern gehen möchte, muss man einen Fahrer organisieren. Wir ziehen wieder dorthin, wo man es noch verpönt, wenn sich jemand kein tolles eigenes Auto leisten kann oder gar ein Fahrrad „nur“ ausleihen würde. Denn eigentlich muss man schon alles selbst besitzen. Der Sinn des Lebens mit Anfang 30, besteht dort eigentlich aus: Haus, Garten, Kind und jeder fährt sein eigenes Auto. Prima!

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Flohmarkt gestern Abend in der We Brewery – alten Ballast los werden 🙂

Ich verurteile das auch gar nicht. Ich finde auch, dass jeder so leben soll, wie er möchte…so lange er anderen dabei keinen Schaden zufügt…eh klar! Und ich sehe tatsächlich an Bayern Gutes, so wie auch an China. Ich liebe diesen Fortschritt hier, ich liebe es, dass auch die Oma’s hier noch mit der Zeit gehen, ich liebe diese Aufgeschlossenheit….aber ich freue mich tatsächlich auch ungemein auf das verlangsamte Leben in unserem verschlafenen Heimatdörfchen. Denn ganz ehrlich, gesund kann das nicht sein, wohin sich unsere Gesellschaft derzeit entwickelt – beziehungsweise überall auf der Welt, bis auf Deutschland, schon entwickelt hat. Kinder mit fünf Jahren haben teilweise schon in drei verschiedenen Ländern gelebt. Man spricht mehrere Sprachen und englisch ist eigentlich ein Muss…man zieht seinem Job hinterher und geht zu dem, der mehr Gehalt bietet. Besitz ist nicht mehr wichtig und sowieso austauschbar….außerdem zeigen uns die Reisen in unterentwickelte Länder, je weniger der Mensch hat, desto glücklicher ist er….und wenn wir das nicht in Real-Life gesehen haben, zeigt es uns ein Video auf Facebook. Man sieht alleine an diesem Absatz hier, wie hin und hergerissen ich bin.

Fakt ist, ich bin vielleicht viel zu bayerisch dafür, auf ewig in einer derart schnelllebigen Stadt zu leben. Es war irre schön und ich werde mich hüten davor zu sagen, nie wieder!!! Wer weiß, was in 15 Jahren ist??? Ich nicht – möchte ich auch nicht! Aber jetzt habe ich erstmal wieder Lust darauf die „Slow-down-Taste“ zu drücken und mit euch allen bald mal wieder a richtiges, dunkles Bier in einem schönen, Kastanien-Baum bedeckten Biergarten zu trinken.

Und über das gut oder schlecht, des einen oder des anderen Lebensstils bzw. über den Wandel unserer Zeit, diskutier ma dann vielleicht kurz…aber die Quintessenz wird sei:

Schau ma moi, dann seng mas scho!

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↬𝓢𝓿𝒲↫

 

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