Ein Brief

Liebe Hallesche Krankenkasse,

hiermit möchte ich meine kleine Geschichte erzählen und hoffe, dass Sie euch erreicht. Ich heiße Sandra und bin 29 Jahre alt. Ich bin eine lebensfrohe, neugierige und vielseitig interessierte junge Frau. Aber das tangiert hier gerade nur peripher, denn seit Kurzem geht es mir ziemlich beschissen…und das liegt auch ein bisschen an euch.

Fangen wir „von Vorne“ an. Mein Mann und ich leben glücklich und zufrieden in unserer ersten gemiensamen Wohnung im schönen Bayern. Eines Tages bietet sich für meinen Mann jedoch die Möglichkeit beruflich nach China zu gehen…und auch wenn ich mich gerade erst so richtig als Musiklehrerin etabliert habe bin ich sofort Feuer und Flamme. Ich glaube ich habe zu Beginn dieses Briefes erwähnt, dass ich sehr neugierig bin. Uns packt also die Abenteuerlust und wir willigen ein.

Doch was braucht es um nach China auszuwandern? Neben einer gewissen Portion Mut – ja genau, eine internationale private Krankenversicherung muss her – ohne geht es nicht.

Für welche soll man sich da entscheiden?

Wir haben uns für dich entschieden, liebe Hallesche Krankenversicherung. Wir haben dir vertraut und uns in deine riesigen, großen, mächtigen Hände begeben. Groß und erfahren bist du – und bewertet wirst du ja schließlich auch ganz gut.

Nachdem alles organisatorische erledigt wurde, begann das eigentliche „Auswandern“. Mein Mann bewältigt seine neuen Aufgaben in der Firma hervorragend und auch ich komme gut mit dem Alltag in China klar. Ich lerne die Sprache ein bisschen, koche neue Gerichte, gehe meinem Hobby der Musik nach und erkunde die neue Stadt. Nach einiger Zeit brauche aber auch ich wieder ein bisschen mehr Struktur und muss mit der neu gewonnen Zeit für mich selbst klar kommen.

Ich freue mich, dass ich mich endlich mal um mich selbt kümmern kann. Ich fange an Sport zu machen. Nicht nur einmal die Woche, so wie früher schon. Jetzt will ich es richtig wissen. Früher hatte der Gelegenheitssport und die gesunde Ernährung schließlich noch nicht ausgereicht, um meinen Traumkörper zu bekommen. Das soll jetzt anders werden.

Ich mache drei bis viermal die Woche Sport. Und ich liebe es. Mir geht es psychisch sehr viel besser und ich fühle mich auch ein bisschen fitter und bin grundsätzlich motivierter. Ich gehe laufen, gehe in den Ballettunterricht, mache hin und wieder Pilates, Yoga und Zumba und letztendlich haben wir uns auch im hiesigen Fitnessstudio angemeldet. Alles ist gut. Ich mache das drei Monate, dann sechs und schließlich kann ich es gar nicht fassen, dass neun Monate vorüber sind und ich immer noch so diszipliniert bin.

Doch irgendwas stimmt nicht. Sollte ich nicht schon sichtlich abgenommen haben? Sollten meine Beine und Oberarme nicht schon etwas geformter sein? Ich versuche mich nicht herunter ziehen zu lassen und mache trotz meiner Zweifel mit eisernem Willen weiter.

Als ich im Juni in Deutschland bei meinen Eltern zu Besuch bin, erwähne ich meine Zweifel, noch irgendetwas falsch zu machen. Warum tut sich nichts an meinen Problemzonen? Meine Eltern fühlen mit mir und mein Vater fragt mich, ob ich schon mal von der Krankheit „Lipödem“ gehört habe. Sie kramen einen Zeitungsartikel aus der Schrobenhausener Zeitung hervor und lassen ihn mich lesen.

Ich bin schockiert. Nach weiteren Internet-Recherchen stelle ich fest, dass viele Symptome doch übereinstimmen. Ich bekomme leicht blaue Flecke, meine Beine sind oft schwer, nach dem Aufwachen fühle ich mich oft „wie vom Lastwagen überfahren“ oder als ob ich die ganze Nacht durchgelaufen wäre. Abends tun mir die Beine oft weh und erst jetzt fällt mir auf, dass das Krankheitssymptome sind und nicht nur eine „Spinnerei“ von mir – oder fehlende Fitness.

Klarheit muss her. Wünschen tue ich es mir nicht, das Lipödem. Lieber kämpfe ich weiter selbst gegen mein Übergewicht an. Aber ich möchte Gewissheit. Ich google wieder und endlich finde ich Ärzte, die sich mit der Krankheit auskennen und diese auch diagnostizieren können. Es ist die Praxis von Dr. Lukowicz, die man mit den Begriffen „Lipödem“ und „München“ immer wieder findet. Es ist eine der wenigen Praxen, die auf ihrer Internetseite überhaupt Informationen zur Krankheit bieten. Ich vereinbare einen Termin – gleich für den nächsten Deutschlandbesuch im August/Anfang September.

Ich bin sehr aufgeregt, als ich am 2. September 2016 in die Praxis gehe. Alles scheint so surreal. Herr Dr. Sauter empfängt mich herzilch und nach einem kurzen Gespräch stehe ich auch schon in Unterwäsche im Behandlungszimmer und bin gespannt, was nach der Ultraschall-Untersuchung herauskommt. Und dann ist sie da – die Diagnose. Die fetten Buchstaben klatschen mir unvorbereitet ins Gesicht. L-I-P-Ö-D-E-M!!!!

Ich habe es! Ich wollte es nicht…aber jetzt habe ich es. Lipödem Stadium 1-2, Stufe 4, denn meine Arme sind auch betroffen. Na dann! Herzlichen Gückwunsch!

Das Kino in meinem Kopf ist ab diesem Zeitpunkt 24 Stunden am Tag geöffnet. Es laufen abwechselnd Thriller, Horror und manchmal auch langweilige Dokumentationen. Ins Fach Dokumentationen würde ich auch solche Dinge legen wie „Ich muss dort anrufen“, „Ich muss einen Physiotherapeuten finden, der MLD macht und auch noch Termine frei hat“, „Ich muss Kompressionsstrümpfe organisieren, damit ich wieder Sport machen kann, ohne weitere Schübe auszulösen“, „Ich muss bei meiner Krankenkasse Bescheid geben und den Kostenvoranschlag für die Behandlung einreichen“….

Da ist es, liebe Hallesche. Jetzt kommt ihr wieder ins Spiel. Habt ihr euch schon gelangweilt bei der bisherigen Story? Habe ich da schon ein paar Augenroller vernommen? Keine Sorge – jetzt wird es auch für euch wieder spannend…ich höre mit dem persönlichen Gesülze auf und knalle die Fakten auf den Tisch.

Nach Einreichung des Briefes von Herrn Dr. Sauter und dem Kostenvoranschlag für eine Operation, die momentan die einzige Behandlung darstellt, wenn es darum geht, dass krankhafte Fett loszuwerden, passiert ersteinmal nichts.

Mein Mann und ich warten, es geht schließlich um 9.500 €. Nach einem kleinen Missverständnis werden wir telefonisch vertröstet uns noch ein paar Wochen zu gedulden, da sich das der Arzt eures Unternehmens erst einmal anschauen muss. Wir warten wieder. Als der Tag gekommen ist, hören wir wieder nichts von euch.

Am 16.9. kommt ein Brief…in dem steht, dass eine Kostenzusage nicht erfolgen kann, da ich gar nicht krank sei und „der Wunsch, naturgegebene oder ästhetisch nicht befriedigende Formen vom Arzt verändern zu lassen (…) nicht unter die Leistungspflicht eines Krankenversicherers“ fällt.

Habt ihr euch einmal die Mühe gemacht Lipödem und die derzeitige Behandlungsmöglichkeit zu googeln?

Nach einem zweiten Anruf von meinem Mann, entschuldigt sich eine Mitarbeiterin von euch bei uns und verspricht uns, dass das ein Missverständnis gewesen sei und sich nochmal jemand meldet. Auf jeden Fall sollen die Kosten für die konservative Therapie (Lymphdrainagen, etc.) übernommen werden.

Ich bin wieder etwas beruhigt. Bis die nächsten beiden Briefe von euch kommen.

Zwei!!! weitere Briefe von zwei!!! verschiedenen Mitarbeitern folgen am 11.10., in einem steht ich solle zum Leistungsanspruch der geplanten OP Berichte über die vorangegangene Therapie u.s.w. nachreichen. Im anderen steht, ich hätte die Diagnose bei Vertragsabschluss verschwiegen…und auch dass ich seit der Pubertät unter einer ständigen Zunahme der Ober- und Unterschenkelvolumina leide.

Ja Himme, Arsch und Zwirn – woher hätte ich denn bitte wissen sollen, dass das mit einer Krankehit zusammenhängt?

Ihr macht es euch extrem leicht liebe Hallesche! Besonders, als ihr mir mit dem Brief vom 11.10. auch noch meinen Versicherungsschutz gekündigt habt, freundlicherweise bis zum 18.10. – wie aufmerksam mir eine Woche Zeit zu lassen das Chaos wieder zu ordnen.

Ich kann es noch gar nicht fassen, wie dreist ihr seit. Ihr kündigt mir einfach. Ich schließe eine private Krankenversicherun ab, schiebe euch einen ordentlichen Beitrag im Monat in den Arsch, damit ich für den Fall einer Erkrankung abgesichert bin und jetzt kündigt IHR mir?

Das ist ein schlechter Scherz oder? Ich wusste nicht, dass das System einer privaten Krankenversicherung darin besteht, dass ihr nur das Geld eurer Kunden einsteckt, aber nicht „verischert“ uns dann dafür auch eine Gegenleistung zu geben. Ich dachte das funktoiniert etwas anders.

Und jetzt? Stehe ich in China – ohne Krankenversicherung und muss mit meinem Mann so schnell es geht wieder zurück nach Deutschland gehen, um wieder in den Schoß einer gesetzlichen Krankenversicherung fallen zu können.

Wir haben Glück, dass die Firma meines Mannes und unsere Familien hinter uns stehen. Aber eigentlich ist es nicht deren Aufgabe den Mist den ihr fabriziert habt auszubaden.

Liebe Hallesche Krankenversicherung vielen Dank, dass ihr meine monatlichen Beiträge so herzlich empfangen habt, solange ich gesund war. Ich danke euch dafür, dass ihr zumindest meinen Geldbeutel leichter gemacht habt. Stellt euch vor ich hätte dieses Gewicht auch noch tragen müssen? Das wäre unverantwortlich gewesen.

Ich danke Euch!

Für alle Sheldon’s unter euch gierigen Ass-Geiern – ich halte ein unsichtbares Schild hoch auf dem in roten Lettern „Sarkasmus“ steht!

Jetzt senke ich das Schild – denn folgende Worte meine ich bitterernst –

Fickt euch ins Knie!

↬𝓢𝓿𝒲↫

Advertisements

10 Kommentare zu „Ein Brief

  1. Mir fehlen die Worte 😦 das tut mit so leid, dass du dich damit rumärgern musst und jetzt so eine Situation am Hals hast. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie kräftezehrend das sein muss. Hoffe inständig, dass sich für dich schnell eine gute Lösung findet und drücke dir alle Daumen!!!
    Viel Kraft für die nächste Zeit, liebe Grüße

    Sarah

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo Sandra,

    die Kündigung würde ich nicht hinnehmen und dagegen Widerspruch einlegen. Bei Vertragsabschluss muss mal alle einem bekannte Erkrankungen angeben. Dir war die Erkrankung Lipödem nicht bekannt und wurde erst später diagnostiziert.
    Zur Not würde ich einen Rechtsanwalt für Versicherungsrecht in Anspruch nehmen.
    Alles Gute und viel Erfolg.
    Sylvia

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Sylvia, vielen Dank! Ich bin allerdings froh, bald wieder in der gesetzlichen zu sein, deshalb werde ich keine rechtlichen Schritte einleiten. Außerdem geht das immer nur auf Kosten der eigenen Nerven. Aber du hast Recht, man muss sich in irgendeiner Art und Weise wehren. Ich konnte mit diesem Brief das Thema für mich selbst abschließen und lasse es erst einmal darauf beruhen. Die OP für Lipödem wird leider von noch niemandem bezahlt, ob gesetzlich oder privat…da muss in erster Linie noch Öffentlichkeitsarbeit geleistet werden, um das Ganze in aller Munde zu bringen….erst dann, wenn es mehr Menschen interessiert, wird sich auch etwas ändern. Aber ich danke DIR schon mal für dein Interesse ❤

      Gefällt mir

  3. Unglaublich dreist, aber auch wir haben die Hallesche genauso kennenlernen dürfen. Es kam sogar eine Außendienstmitarbeiterin bei uns vorbei zur Beschwichtigung. Ein totaler Saftladen, bei der die linke Hand nicht weiß was die recht macht. Glücklicherweise konnte meine Mann damals wieder in die gesetzliche Krankenkasse zurück.
    Leider hilft weder die private noch die gesetzliche Krankenkasse, wenn es um Lipödem geht und die Operation. Ich hoffe Du findest bald eine Lösung und versuchst Dich nicht mehr allzu sehr darüber zu ärgern, es ist verlorene Liebesmüh. Das juckt die Kassen rein gar nicht, weil diese sich immer irgendwie rausreden und haatsträubende Rechtfertigungen finden. Alles Gute

    Gefällt mir

    1. Liebe Dagmar, vielen Dank für deine netten Worte und ja, ich glaube da hast du Recht, es ist den Aufwand nicht wert. Man darf sich nicht lange über sowas ärgern….ganz umkommentiert kann ich sowas aber auch nicht immer lassen 😉 doch der Ärger ist raus und das ist gut 🙂

      Gefällt mir

  4. Hallo Sandra,
    ich finde es wirklich schlimm, dass dir das passiert ist! Deinen Beitrag sollten viel mehr Menschen lesen und ich hoffe allerdings auch dass ihr trotzdem eine schöne Erfahrung hattet und es dir besser geht?
    Liebe Grüße
    Verena

    Gefällt 1 Person

  5. Liebe Verena,

    danke für deine Herzlichkeit Ja ich finde auch, dass das mehr Leute lesen sollten….
    Ich versuche auch weiter zu kämpfen und nicht aufzugeben. Doch die Aktion der Krankenkasse hat
    einfach alles verändert und unser Leben war erstmal ein Scheiterhaufen, wir sind allerdings gut dabei, alles wieder aufzurichten und das Beste daraus zu machen. Alles wird gut 😉

    Liebe Grüße
    Sandra

    Gefällt mir

  6. Liebe Sandra,

    Mein Mann hat es gerade auch erwischt mit der Hallesche..

    Bis vor 7 Jahren war er bei den versichert..
    Gekündigt weil er ins Angestellten Verhältnis wechselte..leider nicht per Einschreiben…
    Es würde aber nichts mehr abgebucht vom Konto und es gab kein Post mehr. Der DAK hat den auch noch mitgeteilt das mein Mann jetzt über den versichert seie (das bestätigte der Hallesche Mitarbeiter heute).

    Letztes Jahr sind wir dann 4 Häuser weiter gezogen und mein Mann räumte fleißig alten Papierkram weg (dumm hinterher aber gut).

    Jetzt haben wir nach mehr wie 7 Jahren Post von ein Anwaltskanzlei bekommen aus Namen von Hallesche…mit ein Förderung von fast 38.000€ …bitte in 3 Tagen zu überweisen..
    Das wäre ja unser Pleite so zu sagen.
    Ich bin selber Frührentnerin und sehr krank.

    Ich fasse es nicht…jetzt müssen wir uns ein Rechtsanwalt besorgen usw..

    Was ein mieser mieser Laden ist diese Hallesche!!!
    Ich hoffe das er dir so weit gut geht!!

    Liebe Grüße Louisa

    Gefällt mir

    1. Ach du Schreck…das ist auch eine furchtbare Geschichte. Ich hoffe es geht gut für euch aus. Das ist wirklich unglaublich was sich manche Krankenversicherungen da raus nehmen, es geht allen doch immer nur ums Geld…schrecklich!!! Ich drücke die Daumen, alles Gute dir und deinem Mann Louisa!!!!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s